Meine „Erwiderung zum Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“:

 

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert,

sehr geehrter Herr Prof. Dr. D. R. Friedrich,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Jan- Ole Reichhardt,

sehr geehrter Herr Prof. Dr. Christian Weymayr,
sehr geehrte Damen und Herren,

Sie wollen den Beruf des Heilpraktikers abschaffen. Es wäre sehr bedauerlich, wenn Ihnen das gelänge.

Da ich aus der Sicht des „klassischen Homöopathen“ argumentiere, befinde ich mich wohl im Zentrum Ihrer Kritik, Ihres Angriffs.
 

Vorab: Verwundert es Sie nicht, dass es diese Medizin nach mehr als 200 Jahren noch immer gibt, dass sie in Indien weit verbreitet ist und zur Standardmedizin geworden ist? Bedeutsam: die klinischen Erfahrungen die mit denselben natürlichen Medikamenten seit dieser Zeit gemacht worden sind, haben noch immer ihre Gültigkeit. Das bestätigt den dokumentierten Erfahrungsschatz und damit den Gehalt dieser Medizinrichtung. 

 

Der Scharlatan

Ich wurde in letzter Zeit auf meinem Praxisschild als „Scharlatan“ tituliert. Sie würden dem wohl zustimmen. Nun ist der Scharlatan nur solange Scharlatan, wie nicht verstanden wird, wie es funktioniert was er tut. Um das aufzuklären ist wohl notwendig einmal zurückzuschauen, wie sich und wodurch sich die heutige Medizin entwickelt hat und wie das unterschiedliche Denken entstanden ist. Ich zitiere da im Wesentlichen aus dem Autorenreferat des Eröffnungsvortrages „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Anthroposophische Medizin? Über die therapeutische Herausforderung der Gegenwart und Zukunft“, einer Vortragsreihe über „Integrative Medizin“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 22.11.2016. Von Prof. Dr. med. Peter Selg¹. 

Ich unterstelle Ihnen redliche wissenschaftliche Unvoreingenommenheit den anderen Gedanken gegenüber.

 

Die Naturwissenschaft in der Medizin

Es war eine Zeitnotwendigkeit, dass die Naturwissenschaft sich ein weites Feld in der Medizin erobern konnte: „Brücke und ich, wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, dass im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind als die genauen physikalisch-chemischen“, betonte der soeben promovierte Mediziner und spätere berühmte Elektrophysiologe Emil Heinrich Dubois-Reymond bereits 1842; 1845 hieß es bei Rudolf Virchow: „Die neueste Medizin hat ihre Anschauungsweise als die mechanische, ihr Ziel als die Feststellung einer Physik der Organismen definiert. Sie hat nachgewiesen, dass Leben nur Ausdruck für eine Summe von Erscheinungen ist, deren jede einzelne nach den gewöhnlichen physikalischen und chemischen Gesetzen vonstattengeht.“ Mit diesem „iatrotechnischen Konzept“ ist versucht worden, Krankheiten zum Verschwinden zu bringen. Diese Hoffnungen haben sich und werden sich auch nicht erfüllen. Virchow 1849 weiter: „Der Naturforscher  kennt nur Körper und Eigenschaften von Körpern, was darüber ist, nennt er transzendent und die Transzendenz betrachtet er als Verirrung des menschlichen Geistes.“

Sie und Ihre Kollegen leiten Ihre Studenten an, Symptome zu eliminieren. Und folgen damit den obigen Vorgaben. Dadurch dass die Naturwissenschaft nur Körper und Eigenschaften von Körpern kennt, ist ja außerordentlich Positives, Lebensrettendes entstanden. Nun sind aber Nebenwirkungen der millionenfach gebrauchten Analgetika, Antipyretika, Sedativa, Hypnotika und besonders der Antibiotika zu großen und größten Problemen angewachsen, sodass es Praxen gibt, die ausschließlich iatrogene Schäden behandeln. Und man kann sagen, dass der inflationäre Gebrauch der Antibiotika zur „Nemesis der Medizin“ durch die multiresistenten Keime geführt hat. Durch den exorbitanten Gebrauch sterben allein in Deutschland jährlich 10.000e in Ihren Kliniken! Einmal ganz abgesehen von der verseuchenden Belastung des Grundwassers durch den übertriebenen Gebrauch in der Landwirtschaft. Wohlgemerkt: Ärzte mit ihrem nacharbeitenden Industriebereich, der Pharmaindustrie, nicht Heilpraktiker!

Mit der Wissenschaft, also der Naturwissenschaft, betrachten Sie, wie schon gesagt die Körper, die Zelle, die Moleküle, das Genom. Mit dieser Wissenschaft können Sie das Erste was der Patient Ihnen sagt, wenn er in Ihre Praxis kommt, nicht verstehen. Die Zelle sagt Ihnen nämlich nicht „ich bin krank“. Mit Ihrer Wissenschaft erreichen Sie den kranken Menschen nicht.

Die neue Wissenschaft

Also: gebraucht wird eine Wissenschaft vom Menschen, die ein Verständnis vom kranken und gesunden Menschen beinhaltet. Es ist ganz kontraproduktiv, ja unsinnig, einen Berufstand eliminieren zu wollen, der sich – sicher bei allen Unzulänglichkeiten – gerade um den kranken Menschen bemüht. Diese neue Wissenschaft liegt seit 1924 in der Anthroposophischen Medizin bereits vor². Die Grundlage dieser Anthroposophischen Medizin sind die Wesensglieder des Menschen. Ich zitiere Johannes W. Rohen aus “Eine funktionelle und spirituelle Anthropologie“³.

Das Wesen des Lebendigen

„Dass der physische Körper in seiner äußeren Erscheinung am Leben erhalten wird und sich nicht in seine materiellen Bestandteile auflöst, verdankt er (…) dem Lebensleib.“ Bereits Samuel Hahnemann bezeichnete dieses Wesensglied als Dynamis in seinem „Organon der Heilkunst“⁴. Weiter Zitat Rohen: „Der Lebensleib oder auch Ätherleib ist das strukturgebende und erhaltende Prinzip in allen lebenden Organismen, wie z.B. den Pflanzen, die wachsen, regenerieren oder degenerieren, sich fortpflanzen und verändern, metamorphosieren oder sich anpassen, kurz lebendig sind.(…) Rudolf Steiner spricht hier von einem Organisationsprinzip, das hier im Organismus gestaltend wirkt und dessen Lebensprozesse bis ins Kleinste organisiert und steuert. Wenn z.B. der Knochen sich an wechselnde Belastungen funktionsgerecht anpassen kann, geschieht dies durch Umbauvorgänge im Knochengewebe, bei denen z.B. Kalziumsalze an bestimmten Stellen aufgelöst, an anderen wieder abgelagert werden, ohne dass dabei das Konstruktionsprinzip des Knochens aufgegeben wird. (...)Der Lebensleib ist mit physischen Augen nicht sichtbar.“ Im Tod verlässt der Lebensleib den physichen Leib, die Form löst sich auf und materiellen Bestandteile gehen nun wieder ihren „einen Weg“, nachdem sie von dem Lebensleib in eine höhere Ordnung eingefügt wurden.

 Der Lebensleib kann auch als Zeitleib angesprochen werden. Rohen weiter: “Die Zeit gehört der Erscheinungswelt an(…).Der prozessuale Charakter des Zeitlichen ist besonders eindrucksvoll am Phänomen der biologischen Rhythmen zu erkennen. Die heutige Chronobiologie unterscheidet zirkadiane, zirkaannale u.a. Rhythmen.(...)Der Arbeitsrhythmus der Leber, der Menstruationszyklus der Frau, die 7-Jahresperioden der Reifungsprozesse des Lebens – immer handelt es sich um eigenständige Prozesse des Lebendigen, die sich nicht aus dem dabei involvierten Materiellen erklären lassen.

Naturwissenschaftliche Denkfehler

Der moderne Mensch wird natürlich an dieser Stelle sofort auf das Genom verweisen, in dem ja alle diese „ätherischen“ Lebensprozesse wie Vererbung, Rhythmik und Entwicklung als „Programm“ fixiert seien. Es ist natürlich richtig, dass diese Chromosomen mit ihrer DNA ein genetisches Programm enthalten, das vom Organismus „nur“ abgerufen zu werden braucht, um die entsprechenden Entwicklungsvorgänge in Gang zu setzen.(...)Derjenige, der sich mit diesen Erklärungen zufrieden gibt, übersieht einen kardialen Denkfehler⁵. Wer liest denn die Schrift (des Genoms) – und wer erteilt letztlich die „Befehle“?! Ein chiffrierter Code hat ja keinen Inhalt – wie der Computer mit seinen zwei Zeichen (ja und nein oder + und - ) der zwar alles verschlüsseln und entschlüsseln kann, aber über die Bedeutung, d.h. den eigentlichen Inhalt, natürlich niemals etwas aussagen kann. Im Genom haben wir zwar eine „Geheimschrift des Lebendigen“, nicht aber das Lebendige selbst vor uns. Der Ätherleib (Lebensleib) ist es, der diese Schrift entziffern und in Befehle umsetzen kann⁶.

Das Seelische im Lebendigen

 (…) Der Empfindungsleib ist das nächsthöhere Wesensglied des Menschen, das nun schon als Teil der Seele anzusehen ist. Durch die Außenwelt angeregt, entstehen in der menschlichen Seele Empfindungen, wie Freude, Zorn, Trauer, aber auch Triebe und Leidenschaften, die zum Teil aber auch rein seelisch in Erscheinung treten. (…)“ Durch sein „Ich ist der Mensch in der Lage regulierend in sein Seelisches einzugreifen. Die verschiedenen Wirkensfelder des „Ich“ in seinem Seelischen werden mit unterschiedlichen Begriffen angesprochen, man kann mit Recht von einer „Seelenanatomie“ sprechen. „So ist die Verstandes- und Gemütsseele noch in die Affekte und Triebe „verstrickt“ so ist die  Bewusstseinsseele hingegen davon unabhängig. Sie ist ein höheres Element in der Seele, zu  dem sich der Mensch erst allmählich durchringen muss“. 

Anhand dieser kurzen Informationen mögen Sie ersehen, dass eine Wissenschaft vom Menschen weit über das Feld der naturwissenschaftlichen Betrachtung hinausgeht. Der naturwissenschaftliche Beweis hat hier seine Berechtigung allerdings verloren. An seine Stelle tritt das zu objektivierende Erleben. Paracelsus wusste, den Menschen als Mikrokosmos im Makrokosmos zu verstehen. Dies ist heute durch Anthroposophie Wissenschaft geworden.

Rudolf Steiner im Frühjahr 1920: „Aus dem Willen zum Heilen ist Wissenschaft geworden. In den Willen zum Heilen muss Wissenschaft einmünden.“

Ich wünsche Ihrer Universität eine Veranstaltungsreihe über „Integrative Medizin“ wie sie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena stattgefunden hat.

Ich grüße Sie

Gunther Hullmann

 

¹ Prof Selg ist Leiter des Ita Wegman Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung, Professor für medizinische Anthropologie und Ethik an der Alanus Hochschule Alfter, Mitglied der Fakultät für Gesundheit an der Universität Witten Herdecke. Im Verlag des Ita Wegman Instituts ist die Schrift unter obigem Titel mit reichen Literaturangaben erschienen.

² Habilitationsschrift an der Universität Witten Herdecke von Peter Heusser: „Anthroposophische Medizin und Wissenschaft. Beiträge zu einer ganzheitlichen medizinischen Anthropologie.“

³ Stuttgart 2009. Professor Rohen habilitierte sich in Mainz 1953 für das Fach Anatomie und Entwicklungsgeschichte. Stationen: Marburg, Erlangen-Nürnberg. Er gilt als Begründer der funktionellen Anatomie

⁴ Organon der Heilkunst 1. Auflage 1810 von 6

⁵ Ein anderer Denkfehler besteht da, wo im Labor Nährboden zu Identifizierung von Bakterien angelegt werden, um das geeignete Antibiotikum zu bestimmen. Dieser Vorgang deutet doch auf das gestörte Milieu im Organismus eindeutig hin. Hier fehlt ein Denkschritt.

⁶ An dieser Stelle kann vielleicht eingesehen werden, dass Medikamente, die hier einwirken sollen, in Hochpotenzen gegeben werden. Und grundsätzlich: Die subjektive Befindlichkeit liegt vor dem Befund. Siehe dazu auch meine Homepage: www.gunther-hullmann.de

z.B. meine Antwort auf das "Münsteraner Memorandum Heilpraktiker"...

GUNTHER HULLMANN


In meiner Praxis wird die Patientenarbeit durch Vorträge, Biografie-Seminare und den „Seelenordner“, einer Gesprächs- und Übungstherapie auf der Grundlage des anthroposophischen 
Erkenntnisweges, ergänzt. 

 

Mehr...